Welcher Schreibtyp bist du?

Jeder Schreibtyp hat unterschiedliche Herangehensweisen an einen Text. Wie gehst du vor: Schreibst du einfach drauflos oder legst du dir zuerst einen Plan zurecht?

„Wer einfach drauflos schreibt, kann seinen ersten Entwurf gleich in die Tonne werfen“ — das war sinngemäß die Aussage, die ich neulich auf Facebook entdeckte. Falsch! Und ärgerlich. Wenn deine Art, dich schreibend einem Thema zu nähern, darin besteht, erst einmal loszulegen und alles festzuhalten, was dir einfällt, dann tu es. Lass dir nicht einreden, daran sei irgendetwas falsch!

Drauflos-Schreiber oder Vorab-Planerin?

Aus der Schreibforschung ist schon lange bekannt, dass es verschiedene Schreibtypen und damit grundsätzlich verschiedene strategische Herangehensweisen an einen Text gibt. Keine davon ist besser oder schlechter. Entscheidend ist, was am Ende auf dem Papier oder Bildschirm steht.

Eine mögliche Unterscheidung bei den Schreibtypen ist die in Strukturschaffende und Strukturfolgende.

Strukturschaffende legen einfach mal los

Sich einen Stift oder eine Tastatur schnappen, einfach drauflosschreiben und die Gedanken auf das Papier oder in den Computer fließen lassen — in der Schreibberaterinnenausbildung, die ich gerade mache, heißt der Schreibtyp des Drauflos-Schreibers auch „strukturschaffend“. Denn bei dieser Vorgehensweise entsteht erst der Text, aus dem dann in einem zweiten Schritt die Struktur herausgearbeitet, also geschaffen, wird.

Im englischsprachigem Raum heißen Menschen, die so ihre Romane schreiben, auch „pantser“. Einer der berühmtesten Autoren überhaupt ist bekennender Pantser: Stephen King. Ich selbst kenne viele professionelle Texter und Texterinnen, die erfolgreich so arbeiten.

Strukturfolgende haben immer einen Plan

Das Gegenstück dazu, die Vorab-Planerin, überlegt sich zunächst eine detaillierte Gliederung für ihren Text und erledigt alle möglichen Vorarbeiten. Erst wenn sie diese planerischen Schritte abgeschlossen hat, beginnt sie mit dem eigentlichen Schreiben und hangelt sich dabei an den einzelnen Gliederungspunkten entlang. Dieser Schreibtyp heißt auch „strukturfolgend“, weil in einem ersten Schritt die Struktur entsteht, der dann der Schreibprozess folgt.

Wer seinen Roman auf diese Weise plant und schreibt, heißt auch „plotter“. Zu ihnen gehört unter anderem J.K. Rowlings.

Reinformen gibt es kaum

Wie immer bei solchen Typisierungen gilt: Reinformen gibt es kaum. Zwar tendieren die meisten Menschen zum einen oder anderen Schreibtypen, nutzen aber in ihrem Schreibhandeln durchaus auch Strategien, die eher zum anderen Typus gezählt werden.

Ich selbst bin dafür ein gutes Beispiel. Grundsätzlich schreibe ich eher strukturfolgend. In der Regel habe ich eine Gliederung zumindest im Kopf und auch schon auf dem Papier, bevor ich mit dem Schreiben beginne. Bei umfangreichen Themen starte ich auch erst einmal mit einer Mindmap, um mir einen Überblick zu verschaffen. Auch Recherchearbeiten erledige ich möglichst in der Vorbereitungsphase. All das sind typische Arbeitsweisen einer Strukturfolgenden.

Dann aber kommt bei mir irgendwann der Punkt, an dem ich dieses doch sehr durchgeplante Vorgehen verlasse, an dem ich mich in den Schreibprozess hineinwerfe und mich treiben lasse. Dann kann es auch mal passieren, dass der entstehende Text plötzlich eine ganz andere Wendung nimmt als ursprünglich gedacht. Das sind Merkmale von Strukturschaffenden.

Und bei mir gibt es deutliche Unterschiede im Schreibhandeln, je nachdem ich belletristische oder Sachtexte schreibe.

Beide Schreibtypen sind völlig okay

Gerade bei so umfangreichen Schreibprojekten wie einem Expertenbuch ist es wichtig, den eigenen Schreibtypen zu kennen und ihn zu nutzen, statt ihn mit Macht unterdrücken zu wollen. Wenn du ständig gegen deine individuellen Schreibvorlieben ankämpfst, verlierst du im Zweifelsfall schnell die Lust am Schreiben — vom Schreibflow, in den du hineingeraten möchtest, ganz zu schweigen. Das ist der Grund, weshalb ich mich über Aussagen wie „Wer einfach drauflos schreibt, kann seinen ersten Entwurf gleich in die Tonne werfen“ so ärgere: Sie erschweren Autoren und Autorinnen den Schreibprozess, weil sie suggerieren, es gäbe nur einen guten und sinnvollen Weg zum Buch. Das ist Blödsinn. Jedes Vorgehen beim Schreiben hat ganz eigene Vor- und Nachteile.

Vor- und Nachteile des strukturschaffenden Schreibens

Der erste und wichtigste Vorteil des strukturschaffenden Schreiben ist, dass sehr schnell viel Text entsteht. Wirf ihn um Gottes willen nicht in die Tonne! Das wäre wohl der beste Weg, deine Motivation zu zerstören. Ein solcher Text mag konfus sein und stellenweise vom eigentlichen Thema wegführen. Aber er zeigt deine individuelle Art, dich mit dem Thema auseinanderzusetzen, dokumentiert erste Eindrücke und Gedanken. Das ist sehr wertvoll. Nutze diesen ersten Entwurf also als Steinbruch für die weiteren Schritte. Welche Textbausteine willst du in das endgültige Manuskript übernehmen? An welchen Stellen werden deine Formulierungen schwammig, weil du noch einmal nachrecherchieren musst? Wo zeigt der Entwurf echte Begeisterung, welcher Aspekt hat also dein Interesse geweckt?

Der größte Vorteil des strukturschaffenden Schreibens ist gleichzeitig auch der größte Nachteil. Denn die Struktur, die jeder Text braucht, muss nachträglich aus der Textmenge herausgearbeitet werden. Das ist aber so lange kein Problem, wie für diesen entscheidenden Schritt ausreichend Zeit eingeplant und die Überarbeitung auch diszipliniert durchgeführt wird.

Vor- und Nachteile des strukturfolgenden Schreibens

Beim strukturfolgenden Schreiben hingegen entsteht von vornherein ein gut geordneter, sauber strukturierter Text. Klingt super? Ist es grundsätzlich auch, vor allem, weil es die Mühen der Überarbeitung deutlich reduziert.

Strukturfolgende haben aber dafür mit anderen Problemen zu kämpfen. Oft verlieren sie sich in der Planung und in der Vorbereitung, feilen noch ein wenig an ihrer Gliederung oder recherchieren noch ein winziges Detail, bevor sie endlich mit dem eigentlichen Schreiben beginnen. Sie haben ständig das Gefühl, noch nicht genug zu wissen, um tatsächlich etwas Sinnvolles aufs Papier zu bringen. Sie kämpfen also eher mit Schreibhemmungen. Wo bei den Strukturschaffenden also zu viel Text entsteht, entsteht bei den Strukturfolgenden schlimmstenfalls zu wenig.

Gute Planung und diszipliniertes Vorgehen hilft auch diesem Schreibtyp: Er muss rechtzeitig ins eigentliche Schreiben einsteigen, um nicht gegen Ende in Zeitnot zu geraten.

Es gibt mehr als einen Weg zum Buch

Welcher Schreibtyp bist du? Mit welcher Strategie gehst du an einen Text heran? Was hilft dir, um ins Schreiben zu kommen, was hemmt deinen Schreibfluss? Sammele Ideen, teste verschiedene Schreibmethoden und probiere aus, was dir und deinem Schreibprojekt wirklich weiterhilft. Und modifiziere die Empfehlungen und das Vorgehen anderer so lange, bis sie für dich passen. So empfehle ich meinen Kunden und Kundinnen ja immer, eine detaillierte Gliederung zu erstellen (ganz die Strukturfolgende, die ich nun mal überwiegend bin). Und wer über einen Verlag veröffentlichen will, muss für sein Exposé ohnehin eine Gliederung erstellen. Aber ich habe es auch schon erlebt, dass dieser Schritt lähmen kann, dass eine Gliederung als Gefängnis empfunden wird. Dann suche einen anderen Weg. Es gibt Methoden, mit denen man auch nachträglich den roten Faden in einem Text finden und ihn herausarbeiten kann. Du kannst die Struktur deines Textes auch während des Schreibens entwickeln, indem du dir die wesentlichen Punkte in einem gesonderten Dokument notierst, dich aber im Hauptdokument weiter dem Schreibfluss hingibst.

Lass dich von Vorurteilen und Zuschreibungen anderer nicht in deinem Schreibprozess irritieren. Textentwürfe von Strukturschaffenden gelten als individuell-bedeutsamer, experimenteller und kreativer, solche von Strukturfolgenden als abstrakter und überlegter. Allerdings finde ich solche pauschalen Aussagen immer schwierig. Zu sehr hängt das Ergebnis vom individuellen Talent und Schreibhandeln ab. In jedem Fall aber sind beide Zugänge zu deinem Text richtig und sinnvoll, sind deine Texte wertvoll, auf welchem Weg auch immer sie entstehen.

Linktipps

Kurze Darstellung verschiedener Schreibtypen: Textpsychologie: Welcher Schreibtyp sind Sie?

Du willst wissen, welcher Schreibtyp du bist? Hier findest du einen Test: Schreibertypentest

Schreibe und veröffentliche dein Expertenbuch. Ich berate dich gern zu Konzeption und Planung, begleite dich durch den Schreibprozess und unterstütze dich bei der Veröffentlichung und Vermarktung. Schreibe mir eine Nachricht oder ruf mich an. Ich freue mich, von dir zu hören: +49 40 28800820.

Beste Grüße
Cordula Natusch – deine Expertenbuch-Expertin

Abb.: andranik123 AdobeStock_399708156

3 Kommentare
  1. Hans Peter Roentgen
    Hans Peter Roentgen sagte:

    Da gab (und gibt) es heftigste Glaubenskriege zwischen Kopfschreibern und Bauchschreibern (so kenne ich die Namen beiden Gruppen. Die Argumente sind immer die gleichen und es hat bisher noch nie etwas gebracht. Ist so, als wolle man einen BVB Fan von Schalke überzeugen und umgekehrt.
    Herzliche Grüße,
    Hans Peter

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  2. Barbara Kettl-Römer
    Barbara Kettl-Römer sagte:

    Als bekennende Strukturschafferin habe ich es auch schon öfter erlebt, dass der Zwang, sich an einer fertigen Gliederung entlanghangeln zu müssen, lähmend wirkt. Bei mir ist es eher so, dass sich im Lauf des Schreibens eine Struktur entwickelt. Gut, dass hier mal erklärt wird, dass das kein schlechterer, sondern einfach ein anderer Weg zu einem guten Text bzw. Buch ist!

    Antworten

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